Baselitz an der Ostsee –
MoMa-Feeling in unserer Kirche
Wie ehrt man einen der größten Maler des 20. Jahrhunderts? In dem man seine Werke zeigt! Das machten nach dem Tod von Georg Baselitz am 30. April 2026 das Museum der Moderne in Salzburg, das Museo Novecento in Florenz, seit dem 16. Mai das Kunstmuseum Schloss Derneburg. Und mittendrin zwischen diesen Kunstweltmetropolen auch unsere kleine Dorfkirche ganz im Norden Deutschlands an der Ostseeküste. Für 72 Stunden nonstop wurde in unserem 1300-Einwohnerdorf über Pfingsten der Künstler geehrt. 72 Stunden spielte Prerow in der Champions League der Kunst mit! MoMa-Feeling in einer Dorfkirche!
Nicht mit einer umfänglichen Sammlung von Gemälden. Nicht mit bedeutenden Druckgrafiken. Nicht mit mächtigen Skulpturen des Künstlers. Nur mit einem einzigen Bild, einer seiner großformatigen Arbeiten. Natürlich auf dem Kopf stehend.
Bisher nur zweimal wurde das Gemälde „Mein Vater sieht einen Engel“ weltweit öffentlich an renommierten Kunstplätzen präsentiert – in Dresden 1997 und in Genua 2016. Nun in der Seefahrerkirche, die mit der Bild-Präsentation ihre Feierlichkeiten zum 300-jährigen Bestehen eröffnete und zugleich den kurz zuvor verstorbenen Künstler ehrte.
Wie geht das für Ehrenamtler, wo selbst die Kirchtüren zu klein sind, um einem Gemälde in der Größe Einlass zu gewähren?
Am Anfang war im Oktober 2023 die Information der Prerower Künstlerin Manuela Ramoth und des Baselitz-Bruders Günter Kern, dass der Jahrhundertkünstler eine Prerower Geschichte hat.
Die Familie Kern verbrachte in den 50er Jahren auf dem direkt am Strand in den Dünen liegenden Zeltplatz regelmäßig ihre Sommerferien. Vater Johannes Kern, lebensbeeinträchtigend kriegsverwundet, genoss diese Auszeit sehr und organisierte sie regelmäßig. Für die Familie Kern bedeuteten diese Urlaube Glückseligkeit. In Erinnerung daran hat Georg Baselitz 1996 in einer Phase, in der er künstlerisch Themen der (familiären) Vergangenheit bearbeitete, ein 3 x 4 m das Gemälde gemalt hat. Es ist angelehnt an ein Foto, welches seinen Vater gen Himmel blickend am Strand von Prerow zeigt. Ein Bild voller Frieden und Harmonie. Eben das, was die Kerns in Prerow suchten und fanden und was sie nur schwerlich in ihr Leben zuhause nach Sachsen mitnehmen konnten.
Das gab den Anstoß für das Vorhaben und über zwei Jahre viel Arbeit für den Verein.
Ein Anruf im Baselitz-Büro, eine Mail an den Künstler und sechs Stunden später die Antwort von Georg Baselitz: „Ich habe sehr glückliche Erinnerungen an die Zeit. Im Ort gab es damals eine Eisdiele, man bekam dort Eis mit alkoholischen Essenzen und es gab keine gepflasterten Straßen, wunderbar. Ich war auch in der Kirche; es gab damals einen Beschließer, den man nicht verstand, aber ich fand das Ganze – weil es so unsächsisch und heidnisch war – sehr schön!“ Und er gab uns sofort die Zusage, das Gemälde „Mein Vater sieht einen Engel“ in unserer Kirche ausstellen zu dürfen. „Wenn es irgendjemanden interessiert“. Dieses spontane Go des Künstlers vor zwei Jahren eröffnete die Tür zur Pfingstausstellung, durch die letztlich auch das Kunstwerk trotz einiger Zweifel, Zurückhaltungen und Schwierigkeiten passt.
Auf dem Kunstmarkt unerfahren türmten sich gleich viele Fragen vor uns auf. Wie bekommen wir ein 3 x 4 m großes Bild überhaupt in die Kirche?
Durch Fenster oder die Türen geht es nicht. Wie bekommen wir es aus dem Münchner Depot nach Prerow? Wie bewachen wir das Bild? Wie müssen wir das Gemälde versichern? Wo stellen wir das Bild auf, wie hängen wir es auf? Und: Was kostet uns das alles? Kann man Eintritt für ein einziges Bild nehmen?
Schnell wurde klar: Für alles benötigen wir Spezialisten – Restaurator, Wachfirma, Versicherung, Transportunternehmen. Und Spezialisten kosten. Das Bild also für zwei, drei Wochen in der Urlaubszeit präsentieren – ein unbezahlbarer Wunschtraum. Allein die Bewachungskosten wären für einen ehrenamtlich tätigen Verein nicht zu stemmen.
So entstand die Idee der Verknappung – das Gemälde kurz, aber heftig auszustellen. Drei Tage rund um die Uhr – 72 Stunden. Von Freitag, dem 22. Mai 2026 bis Pfingstmontag, dem 25. Mai, 15 Uhr. Nonstop. Rund um die Uhr. Wann immer man möchte – ob morgens um 7:00 oder nachts um zwei. Nachts im Museum! Wunderbar! Weniger Bewachungskosten, geringere Versicherungsquote – dafür ein Event mit dem besonderen Etwas. Die kurze Umfrage unter Mitgliedern erbrachte Begeisterung pur, schnell waren viele bereit, auch nachts Wein und morgens um 6:00 Kaffee auszuschenken, die Garderobe entgegenzunehmen und und und. Am Ende waren 108 Helfer über die 72 Stunden mit Begeisterung im Einsatz, die auch auf die Besucher übersprang.
Ja, und damit war es beschlossen. Der Rest war Organisation, viel, viel Organisation: Zeitpunkte festlegen, Kostenvoranschläge einholen, Verträge vorverhandeln, Pressearbeit regional, national und international. Ein Weltkünstler in einer Dorfkirche – wenn das keine Geschichte ist!
Blieb noch die Frage der Kosten – wie wollen wir das finanzieren?
Schnell waren wir uns einig, dass wir keinen Eintritt für ein Bild, und sei es noch so bedeutend und groß, erheben werden. Auch müssen Gottesdienste zu Pfingsten wie gewohnt stattfinden können, da darf es keinen Eintritt geben.
Wir setzen also auf die Generosität der Besucher, die – so hoffen wir – unsere Anstrengungen honorieren, die hohe Kunst eines Weltkünstlers quasi „live und in Farbe“ in unsere kleine, wunderschöne Seemannskirche zu bringen. Wir wollten also zum einen auf Spenden der Besucher setzen. Das Ergebnis von über 7000 Euro in den Spendengläsern gab uns recht.
Zum anderen auf mit unserem gastronomischen Angebot erwirtschaftete Mittel und auf ein Merchandising-Angebot. Die Sparkasse Vorpommern war von unserer Idee ebenso angetan wie das Kultusministerium von Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin, die ob der Strahlkraft des Events finanzielle Unterstützungen zusagten. Das schaffte eine gewisse Erleichterung, weil ein Teil der erheblichen Kosten, die wir tragen mussten, abgesichert war. Die mediale Aufmerksamkeit der regionalen und überregionalen Medien bis hin zu den ARD-Tagesthemen trug mit zum Erfolg bei und war ein kaum bezahlbarer Werbeblock für Prerow.
Schließlich gab es auch noch den Pfingstsonntag mit dem seit vier Jahren stattfindenden Konzert „Cello-Zauber“. Dessen Initiator Uwe Kroggel, Solocellist der Sächsischen Staatskapelle Dresden a. D., erkrankte zwar tags zuvor, doch sein musikalisches Ziehkind, die Solocellistin der Mecklenburgischen Staatskapelle Sophie von Freydank verzauberte mit Charme und Können beim Spiel allein die Besucher, sorgte so ebenfalls für die Finanzierung des Festes und ein einmaliges Kulturerlebnis.
Insgesamt ging unsere Rechnung so auf. Bei bestem Sommerwetter sahen sich 6174 Besucher das Gemälde an. Gefühlt wurde es zum meistfotografierten Bild des streitbaren Künstlers. Ehrende und lobende Worte im ausliegenden Kondolenzbuch bezeugen seine Bedeutung für die Kunstgeschichte, aber auf für das einmalige Event in der Seemannskirche. Unter anderem auch von seinen jüngeren Brüdern Günter und Andreas sowie weiteren Familienangehörigen, die sich das Ereignis nicht entgehen ließen. Oder durch Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt, der sich in das ausliegende Kondolenzbuch einschrieb, es sich als Vereinsmitglied aber auch nicht nehmen ließ, mitzuhelfen. Als Thüringer natürlich am Bratwurststand.
„Was der Verein hier geleistet hat, ist einfach großartig“, zeigte sich Detlev Gretenkort, Leiter des Büros Baselitz in München, begeistert. „6000 Besucher hätten wir in Berlin in 72 Stunden nie erreicht.“ Schade, dass Georg Baselitz das nicht mehr erleben konnte, war ihm dieses Projekt doch eine Herzensangelegenheit.
„Noch Tage vor seinem Tod fragte er nach, ob mit der Ausstellung in Prerow alles läuft“, so Gretenkort.
Der auch bekannt, dass er bei der ersten Anfrage seine Zweifel hatte, ob der Verein das alles schaffen würde.
„Wenn die sehen, was da an Arbeit und Kosten auf sie zukommet, werden sie schnell aufgeben. Jetzt freue ich mich, dass ich mich da geirrt habe.“
Als wir vor zwei Jahren das Projekt gestartet haben, wollten wir ein Projekt umsetzen, dass es hier noch nie gab, das nachhält und Strahlkraft besitz. Finanziell wären wir mit einer schwarzen Null mehr als zufrieden gewesen. Entscheidend war, dass wir ein Bild zu seinem Zuhause, seinem Ursprungsort holen, Weltkunst in unsere ländliche Region bringen, die in den Fokus rücken und viel für das Image des Darß, unserer wunderschönen kleinen Kirche und unseres Vereins tun.
Das alles ist uns gelungen! Die 72 Stunden Baselitz sind unser bisheriges Meisterstück! Die frohen Gesichter der Besucher sowie unzählige Dankesworte und Mails waren Lohn für unseren Einsatz. Und beim Blick in unsere Kasse aus Verkauf und Spenden kam auch große Freude auf. Vor der angepeilten schwarzen Null standen ein paar schöne schwarze Zahlen. Damit ist ein Grundstock für unser nächstes Projekt gelegt.